Gastbeitrag
Wehrt Euch!
Keines der Versprechen, die mit dem Beschluss der europäischen Kultusminister von 1999, also mit dem Bolognaprozess verbunden sind, haben sich bis jetzt erfüllt. Im Gegenteil: Das Studium ist durch Studiengebühren oft teurer geworden. Die Mobilität der Universitäten innerhalb Deutschlands und zwischen europäischen Hochschulen hat abgenommen. Die Zahl der Studierenden, die den Modularisierungswust und das enge Gespinst von Prüfungen nicht durchschauen, hat zugenommen. Deswegen gibt es mehr Studienabbrecher.
Inmitten des mit Noten überfrachteten Systems haben Studierende wenige Möglichkeiten, ihr Studium selbst zu bestimmen. Studiengänge wurden sinnentleert. Es herrscht eine negative Konkurrenz unter den Studierenden, die in privilegierte Mitglieder von Funktionseliten und in eine arbeitsmarktpolitische Verfügungsmasse eingeteilt werden. In den angeblichen Wissens- und Informationsgesellschaften nimmt die Fachidiotisierung und die Idiotisierung in den Fächern zu.
Zu lange haben Studierende, auf asozialen Gehorsam und schmales Eigeninteresse getrimmt, diese antidemokratisch-antigrundrechtliche Fremdschaltung ihres Studiums hingenommen. Verständlich, weil sie alternativlos ins Gehäuse modularisierter Hörigkeit gepresst wurden.
Bedrückenderweise haben wir Hochschullehrerinnen und -lehrer den von außen und oben aufgenötigten Unstand hingenommen. Er widerspricht dem Beruf der Lehre. Er verhöhnt substantiell bestätigte bildungspolitische Einsichten von Sokrates bis heute.
Umso mehr begrüßen wir, dass erstmals Schüler und Studenten gemeinsam einen Bildungsstreik in über 100 Städten vom 15. bis 19. Juni vom Zaune brechen wollen. Wir begrüßen ausdrücklich, dass Schüler und Studierende Bildungspolitik auch mit Formen zivilen Ungehorsams zum gesellschaftspolitischen Konfliktthema machen.
Das ist die Stunde der Lehrenden: Sie haben die Möglichkeit, nach Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes die Freiheit von Forschung und Lehre skrupulös und eigenständig auszulegen und zu praktizieren. Noch in diesem Semester sollten wir einen Teil unserer Lehrveranstaltungen mit dem Bildungsstreik verbinden. Wir sollten an Diskussionen mit Studierenden teilnehmen.
Wir sollten darüber informieren, wie die Universitäten das Lernen, unbeschadet unserer eigenen Anstrengung, verhindern. Schließlich sollten wir Vorschläge entwickeln, wie innerhalb der Institutionen und Lehr-Lern-Prozeduren Veränderungen möglich wären. Vor allem sollten wir die Arbeit konkreter Utopie mit den Studierenden betreiben und uns alle fragen, welches Studium wir mit welchem Ende anstreben.
Die Zustände an den Schulen und Hochschulen bedürfen des Bildungsstreiks. Erst dann kann eine Debatte über den gesellschaftlichen und individuellen Sinn von Studium und Forschung in Gang kommen. Das jüngste, allein monetär ausgerichtete Bund-Länder-Programm zur weiteren Finanzierung von Hochschulpakt, Exzellenzinitiative und Forschungspakt, vermeidet eine Debatte. Ungleiches Wachstum wird allein verwertungsfixiert gefördert. Die Schüler und Studierenden werden systematisch missachtet.
Wolf-Dieter Narr und Peter Grottian lehrten bis zu ihrer Emeritierung am
Otto-Suhr-Institut der FU Berlin.
Die Politikwissenschaftler unterstützen den nationalen Bildungsstreik von Schülern und Studenten ab dem
15. Juni.
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Quelle: FR-online.de
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